Skip to content
30.08.2017 - 18:00
GEORG FRIEDRICH HAAS
ZeitRäume Stimmen

«Ich habe in meinem Leben Tiefen erlebt und mich davon nicht beeinflussen lassen. Von den Höhen möchte ich mich ebenso wenig beeinflussen lassen.»
Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas (Bild links), der heute in den USA lebt, ist einer der Initiatoren von ZeitRäume Basel. In der Ausgabe von 2017 wird er mit einer Uraufführung im Kunstmuseum Basel vertreten sein. Ein Gespräch über Inspiration, den Umgang mit dem Berufsbild Komponist und den Zusammenhang zwischen Musik und Raum.

Das Interview wurde von den Studierenden des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Basel geführt.

 

KOMPOSITION ALS MEDITATION

Isabelle Rohner (IR): Wo oder wie lassen Sie sich für Ihre Werke inspirieren? Sammeln Sie Klänge im Alltag, die Sie notieren und dann in eine Komposition einbauen?

Georg Friedrich Haas (GFH): Man könnte das Komponieren am ehesten mit einer Art Meditation vergleichen. Ich setze mich hin und lausche, welche Klänge sich in mir befinden. Das Wichtigste ist, dass man, wenn man etwas gefunden hat, fragt, wo es hinwill.

IR: Was meinen Sie damit genau?

GFH: Die Klänge sind so etwas wie Lebewesen, wie Pflanzen. Man kann Pflanzen auch nicht einfach in eine Ecke stellen, sondern muss dafür sorgen, dass sie Licht und genügend Wasser haben und nicht dem Wind ausgesetzt sind. So ist es auch mit den Klängen: Man muss zuschauen und zuhören, wie Klänge sich entwickeln, damit sie wachsen und etwas aus ihnen wird.

 

DIE EINBETTUNG DER MUSIK IN DEN RAUM

Lea Cadisch (LC): Am ZeitRäume Festival geht es ja nebst der Musik auch um die Architektur, sprich um den Raum. Will der Klang auch räumlich gedacht zu einem bestimmten Ort, einem Aufführungsort «hin»?

GFH: Das Kunstmuseum Basel, wo das Stück aufgeführt wird, ist ein ganz wunderbarer Ort. Meiner Meinung nach lassen sich die Bilder in zwei Perioden unterteilen: Die eine reicht vom 16. und 17. Jahrhundert ausgehend in die Vergangenheit, bei der zweiten Periode handelt es sich um das 19. und das frühe 20. Jahrhundert. Ich verbinde diesen ersten Zeitabschnitt mit historischen Musikinstrumenten und das 19. Jahrhundert mit dem traditionellen Symphonieorchester. Beide Bereiche werden in meiner Komposition vereint. An der Schola Cantorum in Basel gibt es das Forschungsprojekt Studio31 mit historischen Musikinstrumenten, welches sich im Besonderen mit speziellen Stimmungen des ausgehenden 16. Jahrhunderts beschäftigt. Und auch diese örtliche Verbindung passt sehr gut. Bei zweien dieser historischen Instrumente handelt es sich um das Arciorgano (s. Bild unten, Foto: Susanna Drescher) und das Arcicembalo, welche ich in den Mittelpunkt meiner Komposition stellen möchte.

 

 

Es soll klar werden, welch grosser Kontrast zwischen der Gegenwart und der alten Zeit besteht. Das Stück wird in mehreren Räumen gleichzeitig aufgeführt. Die InstrumentalistInnen werden verteilt über den gesamten ersten Stock des Kunstmuseums musizieren. Im hintersten Raum des Museums werden drei Theorben zu hören sein. In den verschiedenen Räumen wird Musik gespielt, die in gedanklichem Zusammenhang stehen mit den Bildern, die in diesem Raum ausgestellt sind. Es ist mir wichtig, dass in den Räumen, in denen Folterungen von Menschen auf Bildern zu sehen sind, wie Marterungen von Heiligen oder die Kreuzigung Christi, keine Musik gemacht wird.

LC: Ist die Idee für das Stück und dessen Besetzung inspiriert vom Raum des Kunstmuseums?

GFH: In diesem Zusammenhang tue ich mich schwer mit dem Begriff der Inspiration. Es ist auf keinen Fall so, dass die Bilder direkt zur Musik führen. Ich habe Klangvorstellungen, die mit dem Raum und den Ausdruckkategorien der Bilder zusammenhängen. Diese Verbindung ist jedoch immer sehr abstrakt und nie illustrativ, ausser bei einem Bild: Es gibt ein Vanitas-Bild von Sebastian Stoskopff (s. Bild rechts) , auf dem ein Notenblatt mit Mensuralnotation zu sehen ist, welches so detailliert abgemalt wurde, dass es gut lesbar ist. Diese Musik wird dann auch in meinem Werk von zwei Renaissanceflöten gespielt.

LC: Man könnte also sagen, dass Sie mit der Verbindung aus Alt und Neu arbeiten?

GFH: Ja aber das machen ja alle, oder? Mich fasziniert es, historische Musikinstrumente in meine Werke miteinzubeziehen.

 

EMOTION ALS ALPHA UND OMEGA DER MUSIK

IR: Uns würde interessieren, welche Beziehung Sie zwischen Musik und Emotion sehen. Welche Rolle spielt Emotion in der Musik, in Ihrer Musik? Und gibt es Musik ohne Emotion?

GFH: Emotion ist ein unmittelbarer Bestandteil von Musik, sei dies auch nur die, dass man eine Verbindung zu sich selber oder zur Spiritualität spürt. Emotion ist das Alpha und Omega der Musik.

IR: Meinen Sie das in Bezug auf den Hörer oder den Komponisten eines Stücks?

GFH: Ich kann als Komponist nicht im Voraus wissen, wie die Menschen meine Musik hören, oder welche Emotionen sie verspüren werden. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Emotionen, die ich beim Hören meiner Musik habe, viele andere Menschen in vergleichbarerer Weise verspüren.

Mirjam Oswald: Gibt es ein Stück oder einen Komponisten, der Sie als Musiker geprägt hat?

GFH: Es gibt viele Komponisten, die mich geprägt haben. Aber wenn Sie fragen, welcher der grösste ist, lautet meine Antwort Schubert. Die Verbindung von tiefster Emotion und klarer Konstruktion hat bei Schubert eine Ebene erreicht, die vor und nach ihm von niemandem mehr erreicht werden konnte – nicht einmal von Anton Webern. Wenn es ein Stück sein muss, dann die Winterreise. Meine Kollegen an der Columbia University lachen schon, weil ich ständig dessen Anfang vorspiele. Obwohl ich mich mit der Wahl eines einzigen Stückes nicht so wohl fühle, denn es gäbe noch viele andere Werke zu nennen.

 

KOMPONIST SEIN

MO: Noch eine etwas persönlichere Frage: Sie werden von vielen bereits als einer der bedeutendsten Komponisten gehandelt. Was löst das bei Ihnen aus?

GFH: (lacht) Einerseits löst dies Freude bei mir aus und andererseits kommt das Gefühl auf, dass die Latte immer sehr hoch liegt und immer höher liegen wird, da man immer mehr von mir erwartet. Es ist aber schon auch eine gewisse Freude dabei. Ich habe in meinem Leben Tiefen erlebt und mich davon nicht beeinflussen lassen. Ich möchte mich auch nicht von den Höhen beeinflussen lassen.

LC: Spüren Sie in Bezug auf die Komposition für das ZeitRäume-Festival einen Erwartungsdruck?

GFH: Den spüre ich, aber ich schiebe ihn einfach weg. Bei diesem Projekt freue ich mich wahnsinnig darauf, die Dinge, die in meinem Kopf erklingen dann auch in Wirklichkeit zu hören. Das Andere spielt keine Rolle.

MO: Wussten Sie schon immer, dass Sie Komponist werden wollen, oder hatten Sie auch einmal einen anderen Berufswunsch?

GFH: Dass ich Komponist werden wollte, wusste ich schon sehr früh, schon als kleines Kind. Dass ich es tatsächlich konnte, wusste ich aber erst relativ spät. Im Laufe meines Studiums ist mir klar geworden, dass es möglich ist. Die Kunst ist durch den Beruf zu einem täglichen Bestandteil meines Lebens geworden, was auch eine besondere Herausforderung sein kann. Wenn man sich auf die Kunst einlässt, muss man sich im Klaren sein, dass die Kunst als Beruf nicht etwas ist, das in einer 40-Stunden-Woche (vielleicht noch mit ein paar Überstunden) bewerkstelligt werden kann. Sondern es bedeutet, dass man das ganze Leben damit verbringt.

MO: Um zum Schluss zu kommen: Sie haben schon viele Fragen anlässlich von Interviews beantwortet. Gibt es eine, welche Sie gerne beantworten würden, die Ihnen aber noch nie gestellt wurde?

GFH: Da gibt es viele… (überlegt). Die wichtigste Frage ist meines Erachtens immer die: Was heisst es, in einer Zeit Komponist zu sein, oder in einer Zeit Kunst zu machen, in der die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Kunst immer problematischer werden? Ich bin jetzt gerade in Ungarn, und Sie wissen, was in Ungarn für ein Regime herrscht. Ich lebe in den USA: Sie wissen, wer in den USA Präsident ist. Sie sind in der Schweiz: Sie wissen, was es da für politische Strömungen gibt. Ich bin aus Österreich ausgewandert; da wissen Sie alle, was dort vor sich geht. Was bedeutet es also in einer Zeit, wo die Liberalität, wo der Intellekt, wo die ernsthafte, rationale Auseinandersetzung immer weniger zur Selbstverständlichkeit werden, Kunst zu machen? Diese Frage erscheint mir sehr wichtig.

 

Bildquellen: bitte auf das jeweilige Bild klicken.