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07.09.2019 - 18:15
An der Mittleren Brücke wird das Festival ausgepackt
VON MATTHIAS ZEHNDER

Gleich neben der sitzenden Helvetia am Kleinbasler Rheinufer setzt der Basler Architekt Marco Zünd von Buol&Zünd während Zeiträume Basel 2019 ein deutlich sichtbares Zeichen: Ein Pavillon in Form eines aufklappbaren Würfels dient während des Festivals als Informationszentrum und gibt Raum für Begegnungen und kleine, künstlerische Interventionen. Der Festivalwürfel macht auf originelle Weise sicht- und spürbar, dass es Musik und Konzerte ohne Raum nicht geben kann.

Auf den ersten Blick sieht der Würfel aus, als ob er gleich abheben wollte: Die Seitenwände sind schräg nach aussen geklappt, als wären sie Flügel, mit denen der Würfel flatternd in den Himmel entschwinden könnte. Auf den zweiten Blick erinnert der Würfel an die Spiele von Kindern mit jener grossen Schachtel, in der grad die neue Waschmaschine angeliefert worden ist. Bloss ist der Würfel viel grösser als jede Schachtel eines Haushaltgeräts: Die Kanten haben eine Länge von vier Metern. «Wenn man davorsteht, wird das ganz schön gross sein», meint Marco Zünd, Architekt im Basler Architekturbüro Buol&Zünd. Er hat sich den Würfel ausgedacht. «Die Idee war es, einen Pavillon zu kreieren, der es ermöglicht, das unsichtbare Schaffen der Musiker in einem Raum darzustellen. Es geht darum, den Prozess des Komponierens sichtbar und den privaten Raum des Komponierens öffentlich zu machen.»

Ein Würfel, also eine Box, sei dafür die geeignete Form, weil für ihn das Komponieren eine Blackbox sei, meint Zünd: «Obwohl wir ja den Jazzcampus gebaut haben, ist und bleibt das Komponieren und das Machen von Musik für mich ein Buch mit sieben Siegeln.» Er könne sich gut vorstellen, wie man Architektur entwirft oder ein Bild. «Aber wie man an einem Tisch sitzen und Musik schreiben kann, das ist sehr uneinsichtig von aussen. Es gibt nur einen kleinen Kreis, der das lesen kann. Dieser Prozess ist sehr spannend.» Zünd erhofft sich, dass der Festival-Würfel zu einem Begegnungsort wird, wo Besucher sich nicht nur informieren, sondern ungezwungen auch an Schaffensprozessen teilnehmen können. «Ich wünsche mir, dass im Würfel das Komponieren zu einem öffentlichen Akt wird», erklärt Zünd.

DEKONSTRUKTION EINER BOX

Sicher ist: Der Würfel wird ein spannender Ort werden. Die Box besteht aus Holz und ist mit roter Dachfolie bespannt. Nachts wird die Box geschlossen, indem, wie Zünd sagt, «ein Bändeli darum gebunden» werde. «Und am Morgen packen wir dann das Päckli und damit das Festival aus.» Wenn man die Holzschachtel öffnet, spreizen sich alle vier Seitenwände schräg ab. Das sieht aus, wie wenn eine Kartonschachtel mit der Öffnung nach unten auf dem Boden liegt und die Seitenwände nach aussen abstehen. Auf diese Weise entstehen an den Ecken Öffnungen, durch die Passanten in den Würfel hineinsehen und ihn auch betreten können. In der Box befindet sich ein Tisch von etwa zwei Metern Durchmesser. Da sitzen Menschen, diskutieren miteinander, da kann man sich treffen. «Das Festival und seine Ideen sollen greifbar werden für die Öffentlichkeit», erklärt Architekt Zünd. Am Abend wird die Kiste wieder zugeklappt, das «Bändeli» darum gebunden und dann ist die Box geschlossen. «Es ist die Dekonstruktion einer Box, die dann auch den Raum offenbart», meint Zünd.

Im Gegensatz zu allen anderen Räumen, die am Festival Zeiträume eine so zentrale Rolle spielen, hat der Pavillon an der Mittleren Brücke keine akustische Dimension. Für Marco Zünd ist die Box ein optisches Signal: «Hier kann man die Musik auspacken im öffentlichen Raum.» Der Pavillon ist also die Schnittstelle des Festivals zum Publikum und nimmt deshalb für Bernhard Günther, den Festivalintendanten von Zeiträume Basel, eine zentrale Rolle ein. Denn ein Konzert kommt zustande, wenn Musikerinnen und Musiker vor einem Publikum Musik machen. Grundbedingung dafür ist ein gemeinsamer Raum, in dem sie sich während des Konzerts begegnen. Im Fall des Luzerner KKL oder der Elbphilharmonie Hamburg ist der Raum für die Konzerte so prominent geworden, dass viele Leute nicht der Musik, sondern des Raums wegen ins Konzert gehen. Im Normalfall ist es umgekehrt: Im Zentrum des Interesses steht die Musik.

WO SPIELT DIE MUSIK?

Auch bei einem Festival fragt das Publikum normalerweise: Wer spielt denn da? «Bei uns ist es anders. Bei uns ist die interessantere Frage zunächst einmal: Wo spielt die Musik?», erklärt Festivalintendant Bernhard Günther. «Durch die Auswahl spezieller und origineller Orte in Basel eröffnen wir quasi neue Konzerträume und ermöglichen es den Menschen, sich neu zu begegnen und auszutauschen.»

Ein solcher Ort ist der Klybeckquai, das rechte Rheinufer kurz vor dem Dreiländereck. Das Areal zwischen Güterbahngeleisen, Rhein und Hafen wird zur Szenerie eines interaktiven Hörerlebnisses von H.E.I.Guide: Die Besucherinnen und Besucher werden mit Kopfhörern ausgestattet und begeben sich auf eine Entdeckungsreise. Sie hören neben den Umgebungsgeräuschen und Aussenaufnahmen ortsbezogene Kompositionen. Vor ihren Ohren verwandelt sich der Klybeckquai in einen Hörraum zwischen Realität und Fiktion. Ähnlich speziell wird der Klangspaziergang Das grosse Konzert durch das Basler St. Johann-Quartier auf der anderen Seite des Rheins werden: Das Künstlerkollektiv fuchs&flaneure hat gemeinsam mit den beiden in Basel und Kopenhagen beheimateten Schlagzeugern von reConvert project einen musikalischen Experimental-Spaziergang entwickelt. Die Besucherinnen und Besucher folgen dabei der Spur eines mysteriösen Klangs, der die ganze Stadt bewegt.

FARBPROJEKTION IN DER KUPPEL

Ganz anders dürfte das Erlebnis Raum für die Besucherinnen und Besucher des Konzerts Ivan Wyschnegradsky: La Coupole werden: Das Konzert findet in der Alten Markthalle statt, einer der grössten Kuppelbauten der Welt. «Ein sensationeller Ort», findet Zeiträume-Intendant Günther. Zu Musik von Wyschnegradsky, gespielt auf sechs in Mikroton-Abständen gestimmten Konzertflügeln, tauchen Farbprojektionen das Innere der Kuppeloberfläche in ein faszinierendes Farbenspiel und verwandeln den nüchternen Grossmarkt in eine zauberhafte Musikkathedrale.

Dass auch Kirchen Überraschungen bergen können, beweist die Antoniuskirche. «Basler nehmen den Raum wohl für selbstverständlich, weil ihn jeder kennt», meint Günther. «Tatsächlich aber ist es ein Juwel von einem Bauwerk.» Die Antoniuskirche beim Kannenfeldplatz war die erste Sichtbetonkirche der Schweiz. 1925 bis 1927 von Karl Moser gebaut, verströmt sie bis heute den spröden Charme der 1920er Jahre. In der Betonkirche wird ein Harfenduo von Mike Svoboda zu hören sein, das sich vor dem Hintergrund von Karlheinz Stockhausens Harfenduo Freude mit den Möglichkeiten auseinandersetzt, die zwei Harfen einem Komponisten bieten.

DAS PUBLIKUM ERNST NEHMEN

In diesen und vielen anderen, sorgfältig ausgewählten Räumen begegnen sich während des Festivals Musiker und Publikum. «Wir nehmen nicht nur die Räume sehr ernst, sondern auch das Publikum», erklärt Günther. «Ich bin seit 25 Jahren im Musikbereich tätig. In dieser Zeit hat sich die Wahrnehmung ganz deutlich verschoben. Früher war das grosse Meisterwerk der Mittelpunkt eines sehr kleinen Sonnensystems. Inzwischen hat sich der Horizont erweitert. Es ist ein viel stärkeres Bewusstsein da, dass es nicht nur um das Werk, die Komponistin und die Interpreten geht, sondern vor allem auch um das Publikum, das da ist und seine Zeit mit den Musikern teilt.» Das Bewusstsein, dass das Publikum ein ganz entscheidender Akteur dafür ist, wie ein Festival sich anfühlt, ob es gelingt, welche Relevanz es entfaltet, dieses Bewusstsein sei bei Zeiträume Basel schon seit seiner Gründung ein wesentlicher Teil des Festivals. «Deshalb legen wir so grossen Wert auf offene Aktionen, Mitmachaktionen und Spaziergänge, die es ermöglichen, dass das Publikum sich sein Festival mit den Füssen selbst zusammensetzen kann.»

Der aufklappbare Würfel bei der Mittleren Brücke ist das sichtbare Zeichen dafür, dass sich die Musik bei Zeiträume Basel dem Publikum öffnet. «Bei uns kriegt man nicht einfach ein fixfertiges Meisterwerk serviert, man wird selbst Teil des Festivals», erklärt Günther. Es ist ein Teilen von Zeit und Aufmerksamkeit, in dem Künstler und Zuhörer gemeinsam eine Rolle spielen.

10.–22.09. | täglich 11:00–19:00 Uhr | ZeitRäume Pavillon

 

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