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13.08.2019 - 14:15
Gigantische Klangskulptur im Kunstmuseum
von Matthias Zehnder

Das Projekt Rohrwerk. Fabrique sonore verschmilzt Musik und Architektur in einem riesigen Klangturm: 36 Rohre aus ganz unterschiedlichen Materialien bilden gleichzeitig ein Schlag- und Blasinstrument und einen komplexen Klangraum. Die Klangskulptur löst damit die Grenze zwischen Raum und Instrument auf.

Ein Instrument ist ein Werkzeug – schon das lateinische Wort instrumentum stand für Gerätschaft. In der Musik ist ein Instrument ein Werkzeug zur Klangerzeugung. Akustische Instrumente brauchen dazu in zweierlei Hinsicht einen Raum. Zunächst benötigen sie einen Raum als Schallkörper. Der kann winzig klein sein wie die Holzröhre eines Piccolos oder mächtig ausgreifend wie der Schalltrichter eines Sousaphons, er kann in einer Hand Platz finden wie die klappernden Schalen von Castagnetten oder die Grösse eines Bistrotisches einnehmen wie bei einer Kesselpauke. Ist der Klang einmal erzeugt, braucht er einen zweiten Raum, einen Raum, indem er sich ausbreiten kann: ein Wohnzimmer oder einen Konzertsaal, eine Kirche oder ein Stadion. Musik und Architektur berühren sich also doppelt im Raum.

«Als Komponist habe ich ein gewisses Unbehagen, dass die Architektur in der Musik eine völlig untergeordnete Rolle spielt», sagt Beat Gysin, Komponist in Basel, Gründungsmitglied und Präsident von «ZeitRäume Basel». Gysin sagt, Musiker und Architekten seien sich oft fremd: «Das gegenseitige Bewusstsein ist sehr tief. Musiker kümmern sich nicht um Architektur und Architekten haben kaum Bewusstsein über die auditive Qualität ihrer Bauten.» Seit mehreren Jahren verfolgt Gysin deshalb das Langzeitprojekt «Leichtbauten», das jenes gegenseitige Bewusstsein stärken soll, indem es Wissen und Erfahrungen über den Zusammenhang von Raum und Klang sammelt und weitergibt.

ARCHITEKTUR IST IMMER GRÖSSER ALS MUSIK

2019 präsentiert Gysin «Rohrwerk», nach «Chronos» (2015) und «Gitter» (2017) die dritte Folge des Langzeitprojekts. «Wir haben ein Material gesucht, das sowohl in der Architektur, als auch in der Musik benutzt wird, und sind auf Rohre gestossen». Es gibt ein Instrument, bei dem Architektur und Musik zusammentreffen: die Orgel. «Eine Orgelpfeife kann so gross sein, dass sie sich ausnimmt wie ein kleines Zimmer», meint Gysin. Davon abgesehen ist jedes Zimmer grösser als ein Instrument: Es gibt kein Zimmer, das auch ein Musikinstrument ist. Zu Hause, im Bad, gibt es vielleicht stehende Wellen, welche die Männer zum Singen verführen. «Aber das ist nicht musikalisch. Das gehört bereits zur Architektur», meint Gysin.

Die Architektur ist also immer grösser als die Musik. Gysin war es deshalb von Anfang an klar, dass es nicht um ein einziges Rohrinstrument gehen wird, sondern um viele Rohrinstrumente, die zusammen einen Rohrraum bilden. Weil er Musiker ist und nicht Architekt, hat Gysin für die Umsetzung Architekten gesucht, die seine Ideen aufgreifen. «Mit François Charbonnet und Patrick Heiz vom Genfer Architekturbüro Made in haben wir für unser Projekt den idealen Partner gefunden», erzählt Gysin.

SO HOCH WIE DAS MÜNSTER

Das Resultat der Zusammenarbeit ist eine gigantische Konstruktion, die von weitem aussieht wie ein Bleistift in einem Bleistifthalter. 45 Meter hoch ist die Konstruktion. Sie wird von einem Wagenkran an Drahtseilen auf 60 Metern Höhe gehalten. Der Kran erreicht damit die Höhe des Basler Münsters. Der obere Teil, der «Bleistifthalter», besteht aus einem transparentem Stoffnetz. «Wir nennen diesen Teil die Socke – man kann sie auch, wie eine Kniesocke, herunterlassen», erklärt Gysin.

Unter dieser Socke befindet sich der «Bleistift». Dieser Teil besteht aus Dutzenden von Rohren, die so angeordnet sind, dass sie eine Spitze bilden. Die Rohre bestehen aus ganz unterschiedlichen Materialien, von Plexiglas über Plastik bis zu Metallen wie Kupfer und Aluminium. Je nachdem, wie die Klangskulptur bespielt wird, fungieren die Rohre als Instrumente oder als Resonanzräume.

WUNDERBARE EIGENFREQUENZ DER ROHRE

Die Rohrinstrumente werden elektronisch und manuell bespielt. «Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, ein Rohr zum Klingen zu bringen: Wie ein Blasinstrument, deshalb haben wir zwei Bläser (Posaune und Klarinette) im Team, oder wie ein Schlaginstrument, deshalb haben wir zwei Schlagzeugerinnen im Team», erklärt Gysin. Wenn ein Rohr geblasen wird, ist die Länge der schwingenden Luftsäule ausschlaggebend. Geblasen werden die Rohre von Posaunisten mit einem Posaunen- oder Klarinettenmundstück oder wie eine Orgelpfeife mit einer Windmaschine. Wird ein Rohr geschlagen, ist nicht nur die Länge des Rohrs ausschlaggebend, sondern auch das Material, aus dem das Rohr besteht.

Elektronisch werden die Rohre live und mit Aufnahmen bespielt. Beim Experimentieren mit den Rohren sind Gysin und sein Team auf eine interessante Art gestossen, die Rohre zum Klingen zu bringen: Steckt man auf der einen Seite ein Mikrofon ins Rohr und auf der anderen Seite einen daran angeschlossenen Lautsprecher, entsteht durch die Rückkoppelung ein Ton in Höhe der Eigenfrequenz des Rohrs. «Das klingt wunderbar weich und interessant», schwärmt Gysin.

ES BLEIBT EIN ABENTEUER

Sechs Komponistinnen und Komponisten haben sich auf das Rohrwerk eingelassen und Musik für die riesige Klangskulptur entwickelt. Die Resultate sind sehr unterschiedlich. Die einen experimentieren mit elektronischen Klängen, andere verstehen das Instrument eher als Bühne oder als Skulptur. «Ich selbst habe ganz verschiedene Klänge eingesetzt. Mich hat es interessiert, möglichst viele Möglichkeiten auszuloten, die in den Rohren stecken», erzählt Gysin.

An den Konzerten wird Musik aller Komponisten gespielt. Voraussetzung ist allerdings, dass das Wetter mitspielt. Die Skulptur hält Winde bis zu einer Windstärke von 30 Stundenkilometern aus. Bei stärkerem Wind muss zunächst die «Socke» eingeholt werden. Treten heftige Böen auf, muss der Kran das grosse Instrument niederlegen. Dann können die Konzerte zwar stattfinden, aber ohne «Socke». «An der Spitze des Krans ist deshalb ein Windmesser montiert und wir werden vom EuroAirport über die Windverhältnisse informiert», erzählt Gysin. «Es gibt keine Garantie, dass das Wetter mitspielt – es bleibt ein Abenteuer.»

So 15.09. & Mi 18.09.–Sa 21.09.2019 | Kunstmuseum Basel Hauptbau Innenhof
Rohrwerk. Fabrique sonore

 

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