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05.08.2016 - 11:30
Geben Sie Zeit Räume 2015
Rückblick und Impressionen

Die Konzertreihe «Geben Sie Zeit Räume» erlaubte es dem neugegründeten Festival ZeitRäume Basel, vor der ersten Festivalausgabe, mit kleinen Konzerten an verschiedenen Orten in der Stadt präsent zu sein. Wir haben damit zum einen den aktuellen Trend aufgegriffen, den Konzertsaal zu verlassen und Musik an ungewöhnlichen Orten erlebbar zu machen. Zum anderen waren die Programme speziell auf den jeweiligen Ort abgestimmt, was der Festivalidee entspricht.

Insbesondere das Stubenkonzert in einem Gundeldinger Einfamilienhaus und das Schlagzeugkonzert im Innenhof der Bärenfelserstrasse waren mit Hinblick auf das Publikum ein grosser Erfolg. Wir konnten an diesen Orten jeweils ein sehr junges Publikum ansprechen und nachhaltig für die Festivalidee begeistern. Wir blicken hier auf die einzelnen Veranstaltungen der Reihe zurück.

 

1. Oktober 2014: Kunsthalle
Message – ZeitRäume stellt sich vor mit Werken von Karlheinz Essl und Edu Haubensak und dem Schlagzeugensemble der Hochschule für Musik Basel

Die allererste Veranstaltung zur Ankündigung des Festivals wurde in der Kunsthalle Basel, genauer in den Räumen des S AM Schweizerischen Architekturmuseums durchgeführt. Dem Publikum, das in der Mitte des Raumes sass, wurden hier mit zwei unterschiedlichen Raumstücken die Thematik des Festivals verdeutlicht. Karlheinz Essls Rudiments sieht vor, dass vier Schlagzeuger in den vier Ecken des Raumes aufgeteilt stehen und abwechselnd Wirbel auf ihren Snare-Drums spielen. Der Klang wird hier in teils schnellen Kreisbewegungen durch den Raum geschickt und hat aufgrund seiner starken Präsenz eine fast physische Wirkung auf die Zuhörer, die ihre entsprechend intensiven Erlebnisse beim anschliessenden Apéro bereitwillig teilten. Auch Message  von Edu Haubensak geht körperlich nahe. Hier wanderten die vier Schlagzeuger mit Becken durch die Reihen und spielten die Klänge teilweise direkt am Ohr der Zuhörer. Das Konzert gab so einen ästhetischen Vorgeschmack und diente auch als Aufruf an Interessierte, die im Rahmen der Reihe «Geben Sie Zeit Räume» einen Raum zur Verfügung stellen würden. Die Resonanz auf diesen Aufruf war ebenso gross, wie das Presseecho.

13. Oktober 2014: Lesegesellschaft
Werke des Komponisten Peter Ablinger

Die Lesegesellschaft ist ein einzigartiger Ort in Basel, der für seine strikten Verhaltensregeln bekannt ist. Die Exklusivität der Mitglieder und die Vorsichtigkeit, mit der man sich in diesen ehrwürdigen Räumen zu bewegen hat, wurden durch zwei flüsterleise Raumstücke  von Peter Ablinger atmosphärisch und klanglich aufgegriffen.

Das Publikum konnte sich währen der Aufführung zwischen den Bücherregalen im Magazinsaal im Erdgeschoss bewegen. Die Besucherinnen und Besucher taten dies mit äusserster Vorsicht, um die Flüsterchöre nicht mit ihren Schritten zu übertönen. Unter Anwesenheit des österreichischen Komponisten, der in Basel noch wenig bekannt ist, ging der Aufführung zudem eine authentische Werkeinführung voraus. Der Magazinsaal der Lesegesellschaft wurde durch dieses Konzert neu erlebbar gemacht und in Szene gesetzt und die Werke von Peter Ablinger erhielten durch die Atmosphäre des Raumes einen passenden Rahmen.

17. April 2015: Onyx Coiffeteria
Der Pianist Benyamin Nuss am Flügel mit Werken von Nobuo Uematsu, Claude Debussy, und Eigenkompositionen

Ein Flügel in einem Frisörsalon: Das schien uns eine Chance und ein Glück für ein Konzert in der Reihe Geben Sie Zeit Räume. Eine Kundin machte uns auf diesen besonderen Salon aufmerksam, an dem nicht nur Trockenhauben und Haarpflegemittel präsent sind. Durch die grosse Fensterfront bietet sich ein einmaliger Blick auf den Rhein. So wurde auch das Programm, das in Kooperation mit der Foundation for Young Musicians zusammengestellt wurde, im Hinblick auf das Schwerpunktthema Wasser ausgewählt. Am äusserst verregneten Konzertabend erwiess sich das Thema als doppelt passend. Ein weiterer Aspekt, der das Konzert zu etwas besonderem machte, war der historische Flügel, der einst Ernst Beyeler gehört hat.

 

21. April 2015: Ackermannshof
Vortrag zu Dieter Roth in seinem Ex-Atelier

Bei der Veranstaltung unter dem Titel «Das Atelier als Musikraum: Dieter Roth zwischen Basel und Island» erklang für einmal keine Live-Musik. Dafür erläuterte und spielte der Musikwissenschaftler und Komponist Michel Roth, der sich in den letzten Jahren in einem weitgreifenden Forschungsprojekt intensiv mit Dieter Roths musikalischem Schaffen auseinandergesetzt hat, einige Stücke von Dieter Roth, die genau an dem Ort der Veranstaltung entstanden sind. Schnittstelle zum heute dort ansässigen Laboratoire Bâle (École Polytechnique Fédérale de Lausanne EPFL), eine der Zukunftswerkstätten der Architektur in Basel mit ihrem Architekten und Leiter Harry Gugger, war ein Studierendenausflug nach Island. Dieter Roth hat dort während vieler Jahre regelmässig gewohnt (abwechselnd mit Basel und Hamburg) und gearbeitet. Die Studierenden haben sich mit seinem heute noch vorhandenen Atelier auf Island beschäftigt und Fotos und Erkenntnisse des Ausflugs während der Veranstaltung präsentiert. Auf diese Weise entstand ein abwechslungsreiches Bild von Dieter Roths musikalischem Schaffen mit Einblicken in seine multifunktionale Nutzung seiner Ateliers in Basel und Island als Arbeits- und Wohnräume.

30. Mai 2015: Gundeldinger Quartier
Stubenkonzert im Einfamilienhaus

Die Familie, in deren Wohnbereich dieses Konzert stattfand, ist nicht nur überaus musikbegeistert, sondern wollte mit der Zurverfügungsstellung ihres Hauses für ein Konzert auch ihre Freunde, Familie und Nachbarn an ihrer Leidenschaft teilhaben lassen. Unter dem Titel « Living Room Music» war das Programm auf die häussliche Atmosphäre abgestimmt. Mit dem Stück shopping 4 von Michael Maierhof wird auf effektvolle Weise ein Alltagsgegenstand, nämlich der Luftballon, in einem facettenreichen Klangerzeuger verwandelt.

Living Rom Music von John Cage bezieht Gegenstände des jeweiligen Aufführungsortes mit ein. In diesem Fall setzten die vier Musiker des ensemble this / ensemble that Bücher der Familie Wormsbächer ein. Das Kontrabasssolostück Ein Hauch von Unzeit VII von Klaus Huber bildete mit seiner klanglichen Reduziertheit und fast tranceartigen Konzentration einen Kontrastpunkt zu den beiden Schlagzeug-Stücken.

In dem kleinen, aber feinen Publikumskreis gestaltete sich das Konzerterlebnis äusserst intim und intensiv. Beim anschliessenden Apéro war Zeit für persönliche Gespräche und es fand ein angeregter Austausch statt. Der Grossteil der Gäste kam zum ersten Mal in Berührung mit zeitgenössischer Musik. Viele von ihnen kamen später auch an das Festival.

6. Juni 2015: Bärenfelserstrasse
Schlagzeugkonzert im Innenhof

Die Serie Geben Sie Zeit Räume fand mit dem Schlagzeugkonzert im Innenhof der Bärenfelserstrasse ihren spektakulären Höhepunkt. Zum einen, da sich in dem von mehreren Flachbauten geprägten Innenhof unterschiedlichste räumliche Aufstellungen der Musiker realisieren liessen. Die Musiker wechselten teilweise während des Spielens ihre Position von einem Flachdach zum nächsten. Und zum anderen weil ein äusserst interessiertes und offenes Publikum auf den Balkonen versammelt waren. Das Schlagzeugensensemble aus Studierenden der Hochschule für Musik hat unter der Leitung von Christian Dierstein ein Programm zusammengestellt, das von zwei Minimal Music Stück von Steve Reich geprägt war.

Die Bärenfelserstrasse in Kleinbasel hat als alternatives Quartier mit starkem Gemeinschaftsgeist eine grosse Tradition. Wir konnten den sonst nur den Anwohnern vorbehaltenen stillen Innenhof in einen musikalischen Hör-Raum – mit Trios, Quartetten und verwandeln. Im Anschluss an das Konzert fand ein Apéro in der Quartiers-Beiz statt, in denen viele begeisterte Stimmen zu vernehmen waren. Der Altersdurchschnitt war bei diesem Konzert sehr jung. Von den Balkonen hörten viele Kinder und Jugendliche zu. An diesem sommerlich lauen Samstagvorabend hätten mit grosser Wahrscheinlichkeit die meisten Bewohner sonst kein Konzert angehört. Die Tatsache, dass wir dieses Konzert quasi zu den Bewohnern nach Hause gebracht haben, erwiess sich daher als äusserst wirksam.

27. Juni 2015: Innenhof der Settelen AG
Werkstattkonzert der Basler Madrigalisten

Der Geschäftsführer des traditionsreichen Familienunternehmens Settelen AG hat für dieses Konzert grosszügigerweise den Innenhof seines Fuhrparks bereitgestellt, der von einem eindrucksvollen, weiten Dach überspannt wird. Wo früher Pferde auf ihren Einsatz warteten und vorbereitet wurden, stehen heute normalerweise Autos dicht an dicht. Doch trotzdem ist dieser Ort von einem nostalgischen Charme beherrscht. Für das Konzert wurde ein Teil des Hofes von den Fahrzeugen leergeräumt. Die Werke der beiden Grand Seigneurs der Schweizer Musik Heinz Holliger und Clytus Gottwald erhielten an diesem Ort einen besonderen Farbtupfer.

 

Text: Anja Wernicke