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16.02.2017 - 15:30
Bernhard Günther und Beat Gysin
ZeitRäume Stimmen

Der Festivalintendant von ZeitRäume Basel, Bernhard Günther, und Beat Gysin, Vereinspräsident und Mitinitiator der Biennale, erzählen im Interview von der Entwicklung des Festivals und ihrer Perspektive auf zeitgenössische Musik und Architektur.

 

ZeitRäume Basel (ZRB): Das Zusammenspiel von Musik und Architektur nimmt seit dem 20. Jahrhundert stetig zu. Hängt das mit speziellen Entwicklungen der Epoche zusammen?

Beat Gysin (BGS, s. Bild rechts von Anna Katharina Scheidegger): Historisch gesehen kann man sagen, in den 1950er Jahren wurde die Musik sehr komplex und die Komponisten haben festgestellt: Wenn man die Musiker genau im Raum positioniert, wird die Wahrnehmung differenzierter. Man kann also ein Orchester differenzierter wahrnehmen, wenn es differenziert aufgestellt ist. Seitdem ist daraus natürlich eine Geschichte entstanden. Aber ich glaube auch, dass Komponisten auf der Suche sind nach neuen Feldern, auf denen man kompositorisch forschen und Neuland entdecken kann. Über Klangfarben wurde sehr viel gemacht, über Tonhöhen auch, über Rhythmen sowieso, aber der Raum ist noch ein offenes Feld.

 

WECHSELWIRKUNGEN

ZRB: Das klingt, als würde das Interesse eher von der musikalischen Seite ausgehen als von der Architektur.

BGS: Ich spreche jetzt natürlich als Komponist. Von Architekten gibt es zunehmend ein Bewusstsein für den Klang der Räume. Es gibt zu viele negative Beispiele für Räume, die ohne Klang, also ohne Hall und Akustik, gedacht wurden und die dann eben schlecht rausgekommen sind. Da musste man dann nachträglich Akustik «einbauen», hat damit teilweise sogar das architektonische Konzept über den Haufen geworfen. Die Architekten beginnen zu lernen, dass sie, wenn sie das Leben, das ja auch klingt im Raum, mitbedenken, bessere Architektur bauen können.

Bernhard Günther (BGR, s. Bild links von Anna Katharina Scheidegger): Es ist ja fast ein bisschen erstaunlich, dass es in Basel ein Festival wie ZeitRäume nicht schon früher gegeben hat. Basel hat einerseits im Bereich Architektur eine gewisse Tradition, aber vor allem heute eine unglaubliche Präsenz. Wenn man schaut, welche grossen Architekturbüros in Basel sind, ergibt das eine wirklich beeindruckende Liste. Ähnliches gilt im Bereich der Musik: Basel ist durch Paul Sacher, durch den Musikmonat, Heinz Holliger, Rudolf Kelterborn u.v.a. ein echter Platz auf der Landkarte. Und wenn man sich anschaut, wie viele Leute, die in Basel tätig sind oder aus Basel stammen, heute in der internationalen Szene im Musikbereich präsent sind, ist das ziemlich erstaunlich. Das ist einer der Ansatzpunkte des Festivals. Es liegt hier in der Luft.

ZRB: Beat, du bist Komponist und beschäftigst dich schon seit langem mit dem Thema Musik und Raum. Gab es dafür eine Initialzündung?

BGS: Ja, mehrere. Anschaulich lässt sich das mit einem Projekt beschreiben, das ich mit einem Schlagzeugensemble gemacht habe. Das ist jetzt gut 25 Jahre her. Wir haben John Cages First Construction (in Metal) gespielt und unsere Ensembeleiterin Sylwia Zytynska (s. Bild rechts von Lucian Hunziker) hat uns gefragt, ob wir das in einem normalen Raum spielen wollen. Wir haben die Provokation dieser Frage verstanden und gesagt: Nein, wir suchen einen Raum, der zu diesen Werken passt und haben schliesslich eine Garage gefunden. Wir waren eher ein schlechtes Ensemble. Aber dieser Raum hat so gut gepasst! Wir haben in Autos gesessen, die zu Instrumenten wurden. Es war ein begeisterndes Konzert für uns und fürs Publikum. Die Musik hat viel mehr Sinn gemacht dort als in irgendeinem Musikschulsaal. Das hat mich schon sehr zum Nachdenken bewegt.

 

DIE ENTSTEHUNG DER FESTIVALIDEE

ZRB: Wann kam erstmals die Idee auf, ein Festival mit diesem Themenfokus ins Leben zu rufen?

BGS: Das ist eigentlich eine alte Idee. Ich habe sie konkretisiert bei einem Stipendienaufenthalt in Paris, wo ich viel Zeit hatte, mich fundiert mit Musik und Raum auseinanderzusetzen. Ein halbes Jahr lang kein festes Pensum und keine Arbeit, ausser nachzudenken. Ich habe dann schon sehr früh auch zusätzliche Leute gesucht, habe in Basel Marcus Weiss (s. Bild oben) und Georg Friedrich Haas (s. Bild rechts unten von Nafez Reerhuf) für die Idee gewinnen können. Das war 2011. Dann brauchten wir noch jemanden, der das Festival kuratiert, und diese Suche hat dann zu Bernhard Günther geführt.

BGR: Ich bin seit Anfang 2012 mit im Team von ZeitRäume Basel.

ZRB: Wie fliesst deine Erfahrung als Konzert- und Festivalveranstalter bei ZeitRäume Basel ein?

BGR: So ein Festival ist ein faszinierendes Gebilde. Es gibt solche, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie überhaupt nicht funktionieren – wenn z.B. ein Festival wie ein Raumschiff irgendwo landet und dann einfach sagt: Das ist es, nun freut euch gefälligst! Deswegen ist ein Teil meiner Arbeit, zu versuchen, ZeitRäume in Basel ganz langsam anwurzeln zu lassen und zu schauen: Wo gibt es was? Wo kann etwas entstehen? Wo fügt sich etwas einfach zusammen? Das ist eine Lektion, die ich aus über zehn Jahren Festivalmachen gelernt habe: Das wichtigste ist, dass man offene Ohren hat. Die Leute, die dafür verantwortlich sind, dass ein Festival eine bestimmte Form bekommt – einen bestimmten Flavour, eine bestimmte Stimmung, eine bestimmte Vielfalt–, müssen sehr gut zuschauen und zuhören können.

ZeitRäume hat unglaublich viele Beteiligte. Einer der spannendsten Aspekte ist, dass wir uns ständig überraschen lassen – von der Situation, von den Orten; Musiker, die sich von Architekten überraschen lassen, Architekten, die plötzlich in der Begegnung mit Leuten aus dem Musikbereich Aha-Erlebnisse haben. Die Konstellation, wie wir sie hier jetzt möglich gemacht haben, ist ein grosser Gärkessel, in dem es kräftig brodelt. Die Art und Weise, wie sich diese unterschiedlichen Szenen, diese unterschiedlichen Handelnden, Orte und Ästhetiken darin zusammenfügen, finde ich total spannend.

 

Offenheit als Prinzip
ZeitRäume bewegt sich 2017 zwischen vielen Grenzen: Die Kantonsbibliothek Baselland in Liestal ist dieses Jahr die erste Station der Konzertreihe «Geben Sie Zeit Räume»

 

ZRB: Auf welche Weise überraschen sich die Musiker und Architekten gegenseitig bei ZeitRäume Basel? Sind sie aktiv an der Programmgestaltung beteiligt?

BGR: Ich finde es ganz wichtig für ein Festival, dass es keine Top-down-Geschichte ist. Es sollte nicht eine einzige Stelle geben, von der aus sich alles auf einen Schlag gestaltet, sondern Möglichkeiten geschaffen werden, in denen dann etwas passieren kann. Bei ZeitRäume Basel gibt es beispielsweise das Konzept «Geben Sie Zeit Räume»: Wir laden die Basler Bevölkerung ein, wenn sie einen schönen Raum hat, diesen während einer bestimmten Zeit für das Festival zur Verfügung zu stellen. Wir schauen dann gemeinsam, was dort passiert. Diese Offenheit steigert die Qualität des Festivals enorm. Das liegt natürlich auch daran, dass ZeitRäume als Künstlerinitiative das Gegenmodell einer grossen Institution ist, die mit einer absoluten Hausmacht ein Festival startet. Es ist eine künstlerische Idee, für die wir mit viel Feingefühl Räume öffnen und Konstellationen ermöglichen. Wir sind aus Prinzip sehr offen für Kooperationspartner, und nicht wenige Projekte haben begonnen, als jemand auf uns zugekommen ist und gesagt hat: Ich habe da eine Idee.

ZRB: Was wird sich bei der zweiten Edition von ZeitRäume Basel ändern, was hat sich bewährt?

BGR: Orte und handelnde Personen verhalten sich komplementär zu 2015, da gibt es viel Neues zu entdecken. Und wenn das Festival 2015 das Augenmerk auf einzelne spannende Orte richtete, geht es diesmal stärker um Verbindungen dazwischen, um Vernetzung und Bewegung, auch in die Höhe und in die Umgebung. Mehr Basel-Landschaft, dazu kommen auch Projekte, die sich ins Aargau, nach Deutschland und nach Frankreich bewegen.

 

Das Gespräch wurde am 16. Februar 2015 in Basel geführt und im Winter 2017 mit einem E-Mail-Interview ergänzt.