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28.08.2019 - 18:15
Vom Ausloten ultrachromatischer Räume
VON MATTHIAS ZEHNDER

Zum Abschluss des Festivals ZeitRäume Basel kommt es in der Alten Markthalle zu einer multimedialen Inszenierung: Zusammen mit dem Verein ZwischenZeit lässt ZeitRäume Basel zum ersten Mal eine Vision des russisch-französischen Komponisten Ivan Wyschnegradsky Realität werden. Mit sechs mikrotonal gestimmten Konzertflügeln und neun Videoprojektoren kommen in der Alten Markthalle die 1943 entstandenen Lichtkuppel-Farbstudien zur Aufführung. Ein in jeder Beziehung Grenzen sprengendes Projekt.

Wenn der Klavierstimmer am Instrument arbeitet und die Saiten stimmt, erklingen manchmal Intervalle, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen: Statt nur im wohltemperierten Halbton-Abstand, erklingen plötzlich Vierteltonschritte, Sechsteltöne, Zwölfteltöne. Es sind unerhörte Klänge – und zum Teil kaum hörbare Unterschiede: Auch geübte Zuhörer haben Mühe, so kleine Intervalle zu hören. Denn in der klassischen, europäischen Musik ist das kleinste verwendete Intervall der Halbton, die kleine Sekunde. Das entspricht dem Schritt von benachbarten weissen zu schwarzen Tasten auf dem Klavier – und umgekehrt natürlich.

Allerdings sind Tasteninstrumente seit dem 18. Jahrhundert so gestimmt, dass mit derselben Stimmung unterschiedliche Tonarten gespielt werden können. Die einzelnen Intervalle sind deshalb nicht mehr rein gestimmt, entsprechen also nicht mehr dem, was man hört, wenn man eine Saite halbiert, drittelt oder viertelt, sondern wohltemperiert oder mitteltönig. Klaviere sind also unrein gestimmt, damit der Pianist in allen Tonarten spielen kann.

EINE UNSAUBERE ANGELEGENHEIT

An einem Klavier ist ein Halbton (und mit ihm alle anderen Intervalle) deshalb eine unsaubere Angelegenheit. Sichtbar wird das, wenn man die Intervalle in Cents ausdrückt. Der Cent ist eine Masseinheit, die 1875 von Alexander John Ellis vorgeschlagen wurde. 100 Cent sind ein Halbton, wobei dieser Halbton als Zwölftel einer Oktave bemessen wird – also ganz ohne wohltemperierte Kompromisse. Eine Oktave misst entsprechend 1200 Cents. In der reinen Stimmung entspricht eine Quinte 702 Cents, auf einem normal gestimmten Klavier sind es jedoch 697 Cents. Kleine Unterschiede, die in der Musik die Welt bedeuten können. So kleine Intervalle nennen Musiker heute «mikrotonal». So bezeichnen sie alle Tonhöhenunterschiede, die kleiner sind als ein Halbton.

Mikrotöne mögen nach zeitgenössischer Musik klingen, sie sind aber keine neue Sache. Schon Archytas von Tarent (400–365 v. Chr.) hatte die Idee, den Tonraum des Tetrachords, also eine Quarte, nicht nur in vier Töne aufzuteilen, sondern in kleinere Tonstufen. In der orientalischen Musik sind die Ideen des Archytas bis heute erhalten geblieben. Europäische Musiker griffen die feinteiligeren Tonstrukturen erst im 17. Jahrhundert auf. Vor der Einführung des wohltemperierten Klaviers experimentierten Nicolaus Mercator (1620–1687), Marin Mersenne (1588–1648) und Christianus Hugenius (1629–1695) mit Tonsystemen, deren kleinste Stufen kleiner als ein Achtelton waren.

ERSTE KOMPONIERTE VIERTELTÖNE

Die Einführung der standardisierten, wohltemperierten Klavierstimmung im 18. Jahrhundert beendete diese ersten mikrotonalen Versuche. Erst 1849 griff der französische Komponist und Musikpädagoge Jacques Fromental Halévy (1799–1862) in seiner Oper Prométhée enchaîné auf kleinere Tonintervalle zurück: Er schrieb in seiner Oper die ersten komponierten Vierteltöne auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen auch andere Komponisten, mit mikrotonalen Intervallen zu arbeiten, unter ihnen Béla Bartók und Charles Ives. Mikrotonale Musik stand jetzt gleichberechtig neben der Zwölftonmusik.

Einer der Vordenker mikrotonaler Musik in dieser Zeit war Ivan Wyschnegradsky (1893–1979). Geboren in St. Petersburg, wächst er in grossbürgerlichen Verhältnissen auf: Sein Vater ist Bankier, seine Mutter schreibt Gedichte, sein Grossvater war ein berühmter Mathematiker, der von 1888 bis 1892 Finanzminister von Zar Alexander III. war. 1911 bis 1915 besucht Wyschnegradsky das Konservatorium in St. Petersburg. Er studiert Harmonie, Komposition und Orchestrierung bei Nicolas Sokolov, bezeichnet jedoch den russischen Komponisten und Pianisten Alexander Skrjabin (1871–1915) als seinen spirituellen Meister. Wyschnegradsky wird Teil der Kulturszene von St. Petersburg, die geprägt ist von avantgardistischen, futuristischen und konstruktivistischen Strömungen.

EVOLUTIONÄRE BEGEISTERUNG

Obwohl sein Vater während der russischen Revolution 1917 verhaftet wird, begeistert sich Wyschnegradsky für die Anliegen der Revolution, schreibt eine Reihe von revolutionären Liedern und bündelt sie zum L'Evangile rouge für Bariton und Klavier. In dieser Zeit beginnt Wyschnegradsky sich mit Mikrotonalität zu beschäftigen. Er nennt die Musik «Ultrachromatik» und spricht von der «äussersten Chromatisierung des Tonraums». Das altgriechische Wort chrṓma bedeutet Farbe. Chromatik meint in der tonalen Musik das Umfärben eines Tons durch ein Vorzeichen um einen Halbton. Ultra kommt aus dem Lateinischen und bedeutet jenseits. Ein ultravioletter Farbton befindet sich in der Farbskala jenseits von Violett. Ultrachromatik bedeutet also wörtlich: jenseits der Färbung.

Es ist kein Zufall, dass Wyschnegradsky Wörter in die Tonwelt einbringt, die normalerweise für die Farbwelt verwendet werden: Er versteht beides, Farbe und Musik, als Teil eines kosmischen Bewusstseins. Dazu gehört auch die Auflösung der herkömmlichen Tongrenzen: Für Wyschnegradsky kann sich Musik nur dann in das kosmische Bewusstsein einfügen, wenn sie sich in das Klangkontinuum einfügt. Der junge Komponist versucht auf diese Weise, die philosophischen und theoretischen Grundlagen des Kontinuums und der Mikrointervalle zu erarbeiten.

AUSREISE MANGELS INSTRUMENTEN

Weil er sich nicht nur theoretisch mit der Färbung der Töne jenseits der tonalen Chromatik beschäftigen will, sondern seine Musik auch aufführen möchte, sucht er Instrumentenbauer, die in der Lage sind, mikrotonale Instrumente herzustellen. In Russland wird er nicht fündig, deshalb emigriert Wyschnegradsky 1920 nach Paris. Er betont später immer wieder, er sei nicht vor dem Kommunismus aus Russland geflohen, sondern ausgereist, weil er in Russland keine passenden Instrumente gefunden habe.

Wyschnegradsky lässt sich verschiedene Viertelton-Instrumente bauen. Drei davon befinden sich heute im Besitz der Paul Sacher Stiftung und sind in der Musikinstrumenten-Sammlung des Historischen Museums Base zu sehen: ein Viertelton-Pianino, das 1928 von der Firma August Förster in Sachsen gebaut wurde, ein Viertelton-Harmonium der Firma Johann Straube, Berlin (1921), und eine Viertelton-Klarinette von V. Kohlert Söhne, Graslitz (1924). Wyschnegradsky schreibt für die Instrumente mikrotonale Musik und konzertiert selber auf dem Pianino und dem Harmonium. Im Rahmen des Projekts L’Ésprit de l’Utopie – Die Welt der mikrotonalen Musik des Vereins ZwischenZeit wurde Wyschnegradskys mikrotonales Pianino restauriert und war im Juni 2019 zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu hören.

Abb. Konvolut Mosaïque lumineuse de la coupole du temple  Sammlung Ivan Wyschnegradsky / Paul Sacher Stiftung Basel

SECHS VERSETZT GESTIMMTE FLÜGEL

Wyschnegradskys Viertelton-Instrumente setzten sich allerdings nicht durch. Damit auch andere Musiker seine Stücke aufführen konnten, musste Wyschnegradsky sie so umschreiben, dass sie von normalen, aber versetzt gestimmten Klavieren gespielt werden können. Auf diese Praxis greifen denn auch ZwischenZeit und ZeitRäume Basel mit dem Projekt La Coupole zurück: Dabei kommen sechs versetzt gestimmte Flügel zum Einsatz. Ein Flügel ist normal gestimmt, je einer ein Zwölftel-Ton und ein Sechstel-Ton höher und je einer ein Viertel-Ton, ein Sechstel-Ton und ein Zwölftel-Ton tiefer.

Zur Aufführung gelangen die Stücke in der Alten Markthalle. Über der Hauptfläche spannt sich da eine einzigartige Achteckkuppel mit einer Spannweite von 60 Metern. Als die Markthalle 1929 eröffnet wurde, war es der drittgrösste Stahlbeton-Kuppelbau der Welt. Bis heute ist die Markthalle eine der grössten, freitragenden Kuppeln der Welt. Die Innenseite der Kuppel wird während des Wyschnegradsky-Konzerts als Projektionsfläche für neun Videoprojektoren genutzt: Bewegliche Farbmuster tauchen die Kuppelinnenfläche in ein faszinierendes, raumfüllendes Farbenspiel. Die Visualisierungen basieren auf Manuskripten aus dem Konvolut Mosaïque lumineuse de la coupole du temple (Sammlung Ivan Wyschnegradsky, Paul Sacher Stiftung Basel).

MULTIMEDIALES GESAMTERLEBNIS

Wyschnegradskys Farbschemen verbinden sich mit seiner eigenwilligen Klangwelt zu einem multimedialen Gesamterlebnis, das der Komponist 1943 als Utopie gezeichnet und geplant hatte. Das Projekt führt auf diese Weise die Ultrachromatik von Ivan Wyschnegradsky und seine «äusserste Chromatisierung des Tonraums» mit der ursprünglichen Wortbedeutung zusammen und veranstaltet ein mikrotonales Fest der Farben.

Ivan Wyschnegradsky war zu Lebzeiten der Durchbruch mit seiner Musik versagt. 1937 fand ein erstes Konzert mit im Viertelton-Abstand gestimmten Flügeln statt – es hätte der Auftakt zu einer Konzertreihe werden sollen. Der Zweite Weltkrieg stand dem aber im Weg. Nach dem Krieg musste Wyschnegradsky drei Jahre lang eine Tuberkulose auskurieren und geriet in eine Schaffenskrise, aus der ihn der junge Oliver Messiaen befreite. Messiaen ermutigte Wyschnegradsky dazu, weiter zu komponieren. Über Messiaen lernte Wyschnegradsky dessen Schüler Pierre Boulez kennen, der sich an der Aufführung der Werke Wyschnegradskys beteiligte. 1979 starb Wyschnegradsky im Alter von 86 Jahren in Paris – ohne seine chromatische Farb-Musik-Vision je aufgeführt gesehen zu haben. Zum Abschluss des Festivals holen der Verein ZwischenZeit und ZeitRäume Basel das jetzt in der Basler Markthalle nach.

So 22.09.2019 | 20:00 & 22:00 Uhr | Markthalle Basel
Ivan Wyschnegradsky: La Coupole

 

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