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22.12.2016 - 09:45
Rahel Hartmann Schweizer
ZeitRäume Stimmen

In der Reihe ZeitRäume Stimmen stellen sich Protagonistinnen und Protagonisten des Festivals in Interviews vor. Den Anfang macht die freie Publizistin Rahel Hartmann Schweizer, die die Architekturstrecke des Katalogs zur ZeitRäume-Edition 2017 betreuen wird.

 

ZeitRäume Basel: Du bist Architektur- und Kunsthistorikerin, aber in deiner Freizeit auch Musikerin. Welche Stellung nimmt diese Aktivität in deinem Leben ein?

Rahel Hartmann Schweizer: Musikerin ist etwas viel gesagt. Ich singe mit Leidenschaft in einem Chor. Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt, konzentriert auf den Gesang, den Zusammenklang mit den anderen Stimmen, ohne jegliche Ablenkung und mit einer einzigartigen Intensität.

 

ÜBERSETZTE MUSIK

ZRB: Was sind deine musikalischen Vorlieben?

RHS: Auf Epochen oder Stile eingrenzen kann ich diese nicht. Vielleicht beschreibe ich am besten schlaglichtartig einige konkrete Berührungspunkte: Guido von Arezzo schätze ich, weil er uns das Singen mit lockeren Stimmbändern beigebracht hat, Nicolas Gombert, weil er die Akustik für Aufführungen auf dem Feld gleichsam mitkomponiert hat, Henry Purcell wegen der Interpretation von dessen Cold Song durch Klaus Nomi, Johann Sebastian Bach wegen der unglaublichen Architektur seiner Werke, Wolfgang Amadeus Mozart, wegen der nie zu lösenden Spannung auf den unvollendeten Teil seines Requiems, Claude Debussy, weil er mit Prélude à l’après-midi d’un faune ein wunderschönes Gedicht von Stéphane Mallarmé vertont hat, Alexander Skrjabin wegen der synästhetischen Komponente, Modest Mussorgski, weil Bilder wohl nie eindringlicher beschrieben wurden, Giacinto Scelsi wegen der atmosphärischen Dimension, John Cage, weil ich nie eine schönere Stille erlebt habe, als während dieser 4’33 dauernden Zeit, Iannis Xenakis wegen dessen «Übersetzung» seiner Komposition Metastaseis auf die Hülle des Philips Pavillons (Bild re.: Philips Pavillon von Le Corbusier 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel, Anm. ZRB), Karlheinz Stockhausen, weil er die Musik buchstäblich zum Fliegen gebracht hat.
Dass sie den Raum auszuloten suchen, ist auch das Spannende der beim Festival ZeitRäume Basel engagierten Komponisten.
 

ZRB: In welchem Konzertsaal würdest du diese Musik am liebsten hören?

RHS: Im Sydney Opera House von Jørn Utzon (Bild li.: Sydney Opera House, innen, Amn. ZRB).

 

 

DAS GEHEIMNIS IN DER LUFT

ZRB: Auf beruflicher Ebene hast du dich ebenfalls schon intensiv mit dem Phänomen Klang auseinandergesetzt, u.a. stammt von dir eine Publikation über die Akustik der Konzertsäle im Toni-Areal, dem neuen Campus der Zürcher Hochschule der Künste. Wo siehst du die spannendsten Berührungspunkte zwischen Klang und Raum, Musik und Architektur?

RHS: Mich fasziniert ebenso die praktische Verbindung Klang und Raum in Gestalt der Akustik, wie die theoretische zwischen Musik und Architektur in Form von proportionalen Beziehungen, wie sie über die Jahrhunderte immer wieder aufgegriffen wurden. Obwohl die Akustik seit der Definition der Nachhallzeit durch Wallace Clement Sabine wissenschaftlichen Status geniesst, ist sie nach wie vor subjektiver Einschätzung unterworfen. Konzertsäle können also nach allen Regeln der (Mess- und Simulations-)Kunst akustisch optimiert werden. Das Geheimnis des «suono accidente nobilissimo dell’aria» (dt.: «des edlen Zufallsklangs der Luft», Anm. ZRB), wie es der Wissenschaftler und Schriftsteller Lorenzo Magalotti formulierte, decken sie aber nie restlos auf.
Dass bis in die jüngste Vergangenheit der Versuch unternommen wird, musikalische und architektonische Proportionen miteinander in Einklang zu bringen, zieht mich in den Bann. Das Diktum von der Architektur als «erstarrter Musik» – im Umkehrschluss wäre von der Musik als «flüchtiger Architektur» zu sprechen – entspringt vielleicht nur dem Wunsch, das Manko der einen Disziplin mit dem Vorzug der andern zu kompensieren: Die Architektur wünscht sich den klingenden, die Musik begehrt den dauerhaften Raum.

ZRB: Du hast dich als Wissenschaftlerin und Publizistin auf sehr umfassende Weise mit der Architektur in der Schweiz befasst – in Publikumsmedien ebenso wie in der Fachliteratur. Warum versuchst du, die «Verbraucher», also diejenigen, die sich täglich in diesen Strukturen bewegen, für diese zu sensibilisieren?

RHS: Weil man erst schätzt oder gar liebt, was man kennt.
 

EXPORTSCHLAGER SCHWEIZER ARCHITEKTUR
Elbphilharmonie Hamburg
von Herzog & de Meuron, eröffnet 2017
Basilika di San Giovanni im Lateran
barockisiert durch Francesco Borromini im Jahr 1646
St.-Peter-und-Pauls-Kathedrale
Domenico Terrezzini, erbaut 1713–32 im Zentrum der Peter-und-Paul-Festung

 

ZRB: Im Januar wird die Hamburger Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron für das breite Publikum geöffnet. In Berlin hat dasselbe Basler Architekturbüro mit dem Museum der Moderne schon wieder den nächsten Grossauftrag erhalten. Abseits von den medienwirksamen Prestigeprojekten: Welche Stellung nimmt die Schweizer Architektur in der internationalen Landschaft ein? Hat sie spezielle Merkmale?

RHS: Schweizer Architektur war in gewisser Weise oft ein Exportschlager. Schon in der Renaissance wanderten Schweizer Architekten – vor allem aus dem Tessin – ins Ausland aus, wo sie herausragende Bauten schufen. Das setzte sich im Barock fort – man denke an Francesco Borromini in Rom oder Domenico Trezzini in St. Petersburg. Und auch der berühmteste Schweizer Architekt – Le Corbusier – war der sprichwörtliche Prophet im eigenen Land.

Heimatstil
Château Mercier in Siders von Chabloz, erbaut 1906–08
Neues Bauen
Wohnkolonie Eglisee von Hans Bernoulli und August Künzel, erbaut für die WOBA Wohnausstellung Basel 1930
Landistil
Kongresshaus Zürich von Max Ernst Haefeli, Werner Moser und Rudolf Steiger, eröffnet 1939 im Rahmen der Landesausstellung

 

Die Schweizer Architekten haben im 20. Jahrhundert immer wieder eigenständige Positionen eingenommen. Der Heimatstil etwa war ein solches Phänomen, ebenso das Neue Bauen, mit dem sich die Architekten zwar in guter Gesellschaft etwa mit dem Bauhaus befanden, das sie aber auch mit eigener Prägung etablierten – etwa mit dem Landistil oder der Zweiten Moderne.
Die Nachkriegszeit war geprägt von der Suche nach neuen Siedlungsformen und städtebaulichen Experimenten – manche heute verschmäht, andere als schützenswerte Objekte inventarisiert. Unter dem Einfluss der Ära Aldo Rossi an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich etablierte sich beispielsweise der Kreis der Analogen. Im Tessin emanzipierte sich die Tendenza.

Zweite Moderne
Erweiterung Kunstmuseum Winterthur von Gigon Guyer, erbaut 1993–95
Analoge Architektur
Teatro del Mondo in Venedig von Aldo Rossi aus dem Jahr 1979
Tendenza
Il Bagno di Bellinzona von Aurelio Galfetti, Flora Ruchat-Roncati und Ivo Trümpy, erbaut 1970–72

 

Wie auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene sowie den meisten anderen kulturellen Gebieten, zeigen sich heute auch in der Architektur die beiden sich komplementär zueinander entwickelnden Bewegungen von Globalisierung und Regionalisierung – gepaart jeweils mit Individualisierung. Die Architektur hat nicht mehr so sehr einen länderspezifischen Charakter, als dass sie von individuellen Handschriften geprägt ist. Heute werden Bauten weniger mit -ismen assoziiert, als mit ihren Urhebern. Man erkennt ihre Handschriften – auch die der Bauten von Herzog de Meuron, aber, so paradox es klingt: sie gerade nicht an der wiederkehrenden, sondern an der wechselnden, spezifischen Signatur.

 

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