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21.04.2015 - 11:15
Aprilwetter auf Impressionistisch

EINDRÜCKE VOM „GEBEN SIE ZEIT RÄUME“-KONZERT IN DER ONYX COIFFETERIA AM 17. APRIL 2015 MIT DEM PIANISTEN BENYAMIN NUSS

Es hat den ganzen Tag geregnet. Nur am Rand nehme ich Notiz von der schönen Fassade des alten Hauses, in dem heute das „Geben Sie Zeit Räume“-Konzert mit Benyamin Nuss stattfinden soll. Die Füsse sind durchgefroren beim Betreten der Onyx Coiffeteria, der Mantel klamm. Doch die Wärme der Räumlichkeiten überträgt sich schon bei den ersten Schritten durch das Parterre im Haus am Blumenrain 32 auf den Gast.

Was von der Strassenseite her nur ein gemütliches Café vermuten lässt, gibt auf dem Weg zum hinteren Bereich den Blick auf eine Art Friseursalon mit Wohnzimmeratmosphäre frei. An den Wänden finden sich die üblichen Regale mit edlen Haarpflegeprodukten und Frisiertische, am Eingang ein schlichter grauer Empfangstresen, von der niedrigen Decke hängt eine ausladende Lampe im modernen Design.

Und doch scheint über dem ganzen Raum eine Patinaschicht zu liegen. Der Parkettboden, eine Bilderausstellung, ein Zierspiegel im Goldrahmen und vor allem der schwarze Flügel vor breiter Fensterfront mit Blick auf den Rhein vermitteln das Gefühl, dass man hier nicht bloss ein Geschäft betreten hat, sondern einen Ort, den sich die Besitzer Bernie Reichenstein und Vito Geering als eigenes Reich und Begegnungsraum eingerichtet haben.

 

Ein "echter Picasso"…

Gegen 20 Uhr hat sich die Coiffeteria mit Gästen gefüllt, die gekommen sind, um einen Konzertabend mit dem jungen Pianisten Benyamin Nuss zu erleben. Hörbar stolz führt Vito Geering sie in die Geschichte des Salons ein: Es werde vermutet, dass ein Adelsherr das Haus im Mittelalter erbaut habe. Der Traum, in den geschichtsträchtigen Räumen etwas aufzubauen, datiere weit vor die Eröffnung der Coiffeteria im Jahr 2000 (am 11.11. um 11 Uhr 11 und 11 Sekunden, wie er grinsend betont). Und auch der Flügel habe seine eigene Geschichte: Bevor er in der Coiffeteria von Kunden, Angestellten und geladenen Musikern bespielt wurde, habe er dem Kunstsammler Ernst Beyeler gehört, und Picasso persönlich habe auf ihm gespielt.

Dass sich das Instrument in den über 100 Jahren, die es nun schon treue Dienste leistet, einen sehr eigenen, molligen Klang erarbeitet hat, wird schon bei den ersten Tönen hörbar, die Benyamin Nuss ihm entlockt. Vom Wasser erzählen die impressionistisch geprägten Werke der japanischen Komponisten Masashi Hamauzu und Nobuo Uematsu, die Nuss aufs Programm gesetzt hat. Naheliegend, spielt doch der Fluss dort draussen hinter Nuss die zweite Hauptrolle an diesem Abend.

Hier drin ist leise der Regen zu hören, der noch immer beständig auf Basel herunterprasselt. In der heimeligen Coiffeteria und im Zusammenklang mit der Musik erhalten das Tröpfeln und auch das graue Zwielicht, von dem schwer zu sagen ist, ob es die hereinbrechende Dunkelheit ankündigt oder sich unter der Wolkendecke hindurch über den Tag gerettet hat, jedoch Stück für Stück einen entrückten Charakter. Bei Uematsus „Waterside“ stellen sich unwillkürlich Assoziationen zu Seerosen-Gemälden ein, während eine Saite des betagten Flügels beginnt, ihr ganz eigenes Lied dazu zu schnarren. Nuss lässt sich davon nicht stören, seine expressive Mimik folgt allem, was unter seinen Fingern erklingt.

 

… hat eine kleine Panne

Doch plötzlich unterbricht er sein Spiel: „Es tut mir leid, aber das Pedal ist kaputtgegangen.“ Sofort eilen helfende Hände nach vorn, um den Schaden zu beheben. Doch es ist nichts zu machen. „Dann probiere ich’s halt so“, verkündet Nuss so tapfer wie gelassen und spielt das Programm tatsächlich bis zum Ende durch.

Zugegebenermassen klingen Debussys „Jardins sous la pluie“ sehr ungewohnt so ganz ohne die Weite, die das Pedal ihnen sonst verleiht, ein wenig, als hätte jemand Van van Gogh seine Abdeckfarbe weggenommen. Nuss quittiert das mit entschuldigendem Achselzucken und gewitztem Grinsen. Und es gelingt ihm, die konzentrierte Atmosphäre von zuvor allmählich wieder zurückzubringen. Immer wieder erhält er dafür grossen Applaus. Auch ohne Hall scheint er beim Publikum Eindruck hinterlassen zu haben, denn am Ende finden seine Einspielungen einigen Absatz und die Stimmung beim Apéro nach dem Konzert ist ausgesprochen heiter und gelöst.

Lisa D. Nolte